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Giti Pourfazel, Rechtsanwältin, Dichterin
Mit 17 Jahren hat Giti Pourfazel ihr Abitur gemacht, danach sofort Jura studiert und mit 21 Jahren das Studium erfolgreich abgeschlossen. Weil sie so jung war, konnte sie zunächst noch nicht als Anwältin im Iran arbeiten – erst im Alter von 25 Jahren war dies möglich.


Welche Bedeutung hatte die Religion in Ihrer Kindheit und Ihrem Elternhaus?

Giti Pourfazel: Die Religion spielte in meiner Familie keine so bedeutende Rolle — nur meine Großmutter war sehr religiös. Deswegen fanden bei uns zu Hause auch keine Feiern wegen religiöser Traditionen statt, wie zum Beispiel roza (eine traditionelle Trauerfeier für den Imam Hussain).

Hat sich Ihr Verhältnis zur Religion infolge der Islamischen Revolution im Iran verändert?

G.P.: Ich hatte von Anfang nicht so eine enge Verbindung zur Religion. Erst im Laufe meines Jurastudiums habe ich mich stärker mit den religiösen Gesetzen auseinandergesetzt. Im Studium habe ich gelernt, wie die Scharia funktioniert und ich habe damals nie gedacht, dass diese persönlichen Dinge einmal Platz in unserer Gesellschaft finden würden und die Führung des Landes nach diesen Gesetzen funktionieren könnte.

Sie arbeiten als Anwältin in einem Land, dessen Rechtssystem auf der Scharia basiert. Würden Sie sagen, dass die Scharia mit den Menschenrechten vereinbar ist?

G.P.: Wie kann man so denken, dass eine Tora oder eine Bibel, die vor 2000 Jahren geschrieben wurde, oder der Koran, der vor 1400 Jahren geschrieben wurde, mit der heutigen Zeit vereinbar sind?
1979 haben unsere religiösen Kräfte behauptet, dass beides vereinbar sei und sie konnten so etwas behaupten, weil die iranische Bevölkerung damals noch sehr religiös eingestellt war. Aber den Menschen wurde schnell klar, dass diese Vereinbarung so nicht machbar ist. Aus diesem Grund hat man versucht, die Scharia an andere Gesetze anzupassen, zum Beispiel im Finanzbereich. Oder im Lebensmittelbereich: Der Stör, der den Kaviar produziert, war nicht halal, weil er keine Schuppen hat, deshalb wurde dafür eine Fatwa erlassen. Oder auch Schauspielerei war zunächst haram und wurde erst später zugelassen.
In diesem Sinne wurden Teile der Schariagesetze also flexibel gemacht, um sie der Wirklichkeit anzupassen. Aber wenn man alle Scharia Gesetze auch angepasst hätte, dann wäre das Rechtssystem noch besser geworden. Allerdings sind unsere Geistlichen nicht mutig genug, solche Reformen und Änderungen durchzuführen. Nur in dem Fall, dass alle Schariagesetze an die heutigen Gesetze angepasst würden, wären sie mit den Menschenrechten vereinbar. Doch die Geistlichen, die diese Gesetze schreiben, müssten dafür auch bereit sein. Allerdings haben zehn Geistliche zehn verschiedene Meinungen. Und weil es verschiedene Interpretationen der Gesetze gibt, könnte man die alten Gesetze an die heutige Zeit anpassen.

Warum hat Ajatollah Chomenei als politischer und religiöser Führer der Islamischen Revolution anfangs gerade unter Frauen so viel Zustimmung erfahren?

G.P.: Weil das, was er zuerst aus seinem Exil in Frankreich versprochen hatte, zum Beispiel gleiche Rechte auch für Frauen, zunächst nichts Schlechtes war. Und alle haben seinen Worten geglaubt — auch Akademiker.

Mit welchen Schwierigkeiten von staatlicher Seite sind Sie bei Ihrer Arbeit als Anwältin im Iran konfrontiert?

G.P.: Nach der Revolution 1979 war ich für eine Weiterbildung mit meinem Mann und meinen Kindern zunächst in Frankreich. Als ich wieder in den Iran zurückkam, bemerkte ich, dass sich viele Gesetze aufgrund der Scharia verändert hatten, zum Beispiel im Familienrecht war nun die Ehe mit vier Frauen oder die Zeitehe (Sigeh) möglich. Ich habe damals sofort reagiert und mich gegen diese Änderungen ausgesprochen.
Aus diesem Grund hatte ich 14 Jahre lang keine Erlaubnis, als Anwältin im Iran tätig zu sein.
Erst mit der Gründung einer Anwaltskammer durfte ich wieder arbeiten, da es für mein Arbeitsverbot kein Gesetz gab und ich auch nicht als politische Anwältin aktiv war, denn ich war immer nur im Bereich des Zivilrechts tätig. Ich war eine von mehreren Anwälten, denen die Arbeitserlaubnis entzogen wurde.

Welcher Ihrer Fälle, den Sie als Anwältin vertreten haben, hat Sie am meisten berührt?

G.P.: Alle meine Fälle waren schwierig, da alle Verurteilungen ungerecht waren, aber am meisten hat mich der Fall von Herrn Sattar Beheshti (iranischer Blogger für Menschenrechte) getroffen. Dieser Fall hat mich sehr betroffen gemacht, sodass ich nachts davon Albträume hatte. Sattar Beheshti wurde bei einer Anhörung im Gefängnis von Beamten so zusammengeschlagen, dass er an den Folgen gestorben ist.¹

Was sind die wichtigsten Erkenntnisse, die Sie aus Ihrer langjährigen Arbeit als Anwältin, speziell für Frauenrechte gewonnen haben?

G.P.: Die Frauenrechte wurden immer von Männern geschrieben und in keiner Religion haben die Frauen die gleichen Rechte wie Männer. Inzwischen sind die Frauen aber aufgewacht und denken nicht mehr wie vor 100 Jahren. Sie wissen, dass sie Menschen sind und die gleichen Rechte besitzen. Angefangen hat dieses Bewusstsein für Frauenrechte im Westen und wir haben davon ein bisschen Wind bekommen. Aus dem Wind ist heute in Asien und Afrika ein Sturm geworden.
Frauen sind körperlich nicht gleich wie Männer, aber sie müssen die gleichen Rechte haben, denn sie können genauso stark denken und wirtschaftliche und politische Angelegenheiten analysieren wie Männer und dürfen deswegen nicht runtergestuft werden. Heute arbeiten im Iran auch viele Frauen in der Forschung und der Wissenschaft und haben mit ihrer Arbeit etliche Preise gewonnen.

Das öffentliche Leben im Iran wird von einem strengen Sitten- und Moralkodex bestimmt und unterscheidet sich oftmals deutlich vom Privatleben der Iraner. Wie wirkt sich dieses Doppelleben auf die Persönlichkeit der Menschen aus?

G.P.: Seitdem der Hidschab Pflicht geworden ist und viele normale Dinge verboten wurden, zum Beispiel im Musikbereich, hat unsere Gesellschaft zwei Gesichter.
Zu Hause im privaten Bereich sind die meisten Frauen sehr offen, aber es gibt auch eine religiöse Schicht, wo selbst zu Hause der Hidschab getragen wird. Andererseits gibt es Menschen aus verschiedenen, gesellschaftlichen Schichten, die zu Hause anders leben.

Einerseits wird die Rolle der Frau im Iran von der iranischen Rechtsprechung bestimmt, andererseits ist die iranische Gesellschaft bis heute patriarchalisch aufgebaut. Welche Erfahrungen haben Sie in Ihrer Arbeit als Anwältin in dieser Hinsicht gemacht?

G.P.: Alle Gesetze sind zugunsten von Männern gemacht, die himmlischen und die irdischen Gesetze, deswegen haben Frauen nur einen sehr engen Spielraum. Aber weil ich als Anwältin alle Menschen als gleichwertig ansehe, fühle ich mich verpflichtet, Frauen zu verteidigen, wenn sie unterdrückt werden. Kürzlich habe ich mit anderen Anwältinnen zum Beispiel Einspruch gegen einen Gesetzesvorschlag im Familienrecht erhoben, der Männern – abhängig von ihrem wirtschaftlichen Vermögen – die Erlaubnis einräumen sollte, mehrere Frauen zu heiraten. Daraufhin wurde dieses Gesetz in dem Sinne angepasst, dass die erste Frau dem Mann ihre Erlaubnis geben muss, wenn er weitere Frauen heiraten will.

Präsident Hassan Rouhani wird in westlichen Medien als moderater Reformer beschrieben. Was hat sich für die Menschen im Iran seit seinem Amtsantritt verändert?

G.P.: Es gibt keine Verbesserungen, Zulassungen im Bereich der Musik werden wieder zurückgenommen, es hat sich nicht viel verändert. Herr Rouhani hat sich mehr mit den Nuklearangelegenheiten beschäftigt als mit den inneren Angelegenheiten des Irans. Als Frauen wollen wir, dass sich der Blickwinkel von Männern ändert – unabhängig, ob sie geistlich sind oder nicht.

Im November 2016 wurde Ahmad Montazeri zu einer sechs jährigen Gefängnisstrafe verurteilt, nachdem er Tonbänder von seinem Vater, dem Großajatollah Hossein Ali Montazeri, öffentlich gemacht hatte. Hossein Ali Montazeri war enger Vertrauter von Chomenei und sollte eigentlich sein Nachfolger werden, nachdem er aber sehr deutlich die Massenmorde von politischen Gefangenen 1988 im Iran kritisiert hatte, wurde er kaltgestellt. Großajatollah Montazeri sagte in diesem Zusammenhang: »Ich glaube, dieses ist das größte Verbrechen, was in der Islamischen Republik verübt wurde ... Und die Geschichte wird uns dafür verdammen.« Was sagt dieses Vorgehen gegen den Sohn von Montazeri über die Legitimität im iranischen Rechtssystem aus und warum hat die Iranische Führung solch eine Angst davor, dass die Worte vom Großajatollah Montazeri an die Öffentlichkeit gelangen?

G.P.: Wenn jemand gegen das Gesetz gehandelt hat und unmenschliche Sachen zu verantworten hat, will man das ungern verbreiten. Nachdem die Tonbandaufnahmen an die Öffentlichkeit gelangt sind und alle gehört haben, was damals wirklich passiert ist, haben unsere Staatsmänner große Angst und Sorgen vor den möglichen Folgen dieser Veröffentlichungen bekommen.
Auch schon vor dem Auftauchen der Tonbänder wussten die Menschen, was geschehen ist. Aber mit den Tonbändern wurde noch einmal Licht in diese Angelegenheit gebracht. Und das ist ein großer schwarzer Fleck auf der Weste der iranischen Republik Iran, was damals mit den Gefangenen und ihren Verwandten passiert ist. Anstatt mit den Gefangenen, die zwischen 12 und 25 Jahre alt waren, zu reden und zu versuchen, mit Bildung deren radikale Einstellung zu verändern, hat man alle hingerichtet.

Nach dem Fall der Wirtschaftssanktionen reisen Politiker und Wirtschaftsvertreter westlicher Staaten reihenweise in den Iran und versuchen, lukrative Geschäftsfelder zu erschließen und Wirtschaftsdeals einzuleiten. Welche Hoffnung oder auch Befürchtung verbinden Sie mit dem Fall der Wirtschaftssanktionen?

G.P.: Die europäischen Produkte und Fähigkeiten lassen sich sehr gut in der Welt verkaufen und im Gegenzug möchte der Iran auch seine Bodenschätze verkaufen. Die Sanktionen kamen deshalb Russland und China zugute, die ihren Handel mit dem Iran ausgebaut haben. Für mich sollten sich die wirtschaftlichen Beziehungen verbessern, denn die Folgen der Sanktionen waren sehr grausam für die Menschen im Iran: Armut und Arbeitslosigkeit nahmen zu und damit auch die Kriminalität im Land. Wir brauchen die Beziehungen zu anderen Ländern, um dieses Land wieder aufzubauen und vor der islamischen Revolution hatten wir auch gute Beziehungen in die ganze Welt.
Die Probleme, die von den westlichen Ländern verursacht werden, treffen den Westen nun aber selbst. Dort werden so viele Menschen Asyl beantragen, dass das westliche Leben und die dortige Ordnung schwierig werden und dies ist eine Reaktion auf die Weltordnung, wie sie 1979 in Guadeloupe festgelegt wurde. Unser heutiger Zustand ist das Ergebnis von Guadeloupe.²

Was wünschen Sie sich an erster Stelle für die Menschen im Iran?

G.P.: Ich wünsche mir nicht nur für Iraner alles Gute, sondern für alle Menschen, weil mein Blick von Menschenliebe geprägt ist. Wenn man unsere Literatur kennt, dann weiß man, dass wir immer über Menschen reden, unabhängig vom Glauben, Geschlecht oder Nationalität. Unser Dichter Saadi sagt: Die Menschen sind Teil voneinander und alle gehören zu einem Körper, der Menschheit. Und wenn einem Teil etwas weh tut, dann tut den anderen Teilen auch etwas weh. Und das ist eine Wahrheit, wenn ich sehe, dass in Afrika jemand Probleme hat, dann tut mir das auch weh.³

12 / 2016

 

¹ Mehr über den Fall Sattar Beheshti hier
² Die Konferenz von Guadeloupe im Januar 1979 war ein informelles Treffen vom französischen Präsidenten Valéry Giscard d'Estaing, dem amerikanische Präsidenten Jimmy Carter, dem englischen Premierminister James Callaghan und dem deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt, wo unter anderem die Krise im Iran besprochen wurde. Nachdem es 1978 im Iran zu Massendemonstrationen, Streiks und gewalttätigen Ausschreitungen gegen Schah Mohammad Reza Pahlavi gekommen war, deren prominentester Anführer der im französischen Exil lebende Ajatollah Ruhollah Chomeini gewesen ist, machte der amerikanische Präsident Jimmy Carter auf der Konferenz von Guadeloupe den Vorschlag, den Schah nicht länger zu unterstützen, da dieser nicht mehr das Vertrauen der iranischen Bevölkerung hätte. Zunächst sollte eine Übergangsregierung unter Premierminister Schapur Bachtiar die Regierungsgeschäfte übernehmen und gleichzeitig nahm man Kontakt zum Ajatollah Ruhollah Chomeini auf. Chomeini kehrte am 01. Februar 1979 in den Iran zurück und erklärte Premierminister Bachtier für illegal und leitete damit den Machtwechsel von der Pahlavi-Monarchie zur Islamischen Republik Iran ein.
³ Giti Pourfazel bezieht sich auf Saadis bekanntes Gedicht bani adam:
Die Menschenkinder sind ja alle Brüder
Aus einem Stoff wie eines Leibes Glieder
Hat Krankheit nur ein einzig Glied erfasst
So bleibt anderen weder Ruh noch Rast
Wenn anderer Schmerz dich nicht im Herzen brennt
Verdienst du nicht, dass man noch Mensch dich nennt.

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