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Der weiße Kreis mit dem gelben Bus ist das Logo des Yellow-Bus-Projektes.
Yellow Bus wurde vom ukrainischen Filmregisseur Jaroslav Pilunskyj und weiteren Profis aus dem Medien- und Erziehungsbereich gegründet.
Ziel ist es, ein sinnvolles System für Jugendliche zur professionellen Orientierung im Kultur- und Medienbereich aufzubauen.
Seit März 2016 gibt es Yellow Bus und in sieben ukrainischen Städten haben mehr als 4000 Schüler von über 20 Schulen an diesem Projekt teilgenommen. Es wurden unter anderem bislang 11 Kurzfilme realisiert, acht journalistische Reportagen erstellt, drei Ausgaben einer Yellow Bus Kinderzeitung publiziert und drei Sommercamps ausgerichtet.
In Kiew habe ich mit dem Gründer und Filmregisseur Jaroslav Pilunskyj gesprochen.


»Die Gesellschaft, die sich in einem Kriegszustand befindet, ist verwundet.
Wir verstehen, wie die Informationen des Aggressors die Region rund um die Frontlinie beeinflusst. Wir arbeiten dokumentarisch mit den verschiedenen Informationen, die einmal die Frontlinie und dann auch die anderen Teile der Bevölkerung erreichen. Wir haben gesehen, wie die öffentliche Meinung beeinflusst wurde. Als professionelle Journalisten haben wir uns dazu entschlossen, etwas zu tun. Mit Erwachsenen zu arbeiten ist schwer, da sie wie eine Art Sekte funktionieren. Informationen beeinflussen Erwachsene ähnlich wie ein NLP-Programm (Neuro Linguistic Program).
Deshalb haben wir uns entschlossen, zuerst mit Jugendlichen zu arbeiten. Für Jugendliche ist es spezifisch, dass sie all die Vorurteile und Klischees, die ihnen von den Eltern, der Schule und den Medien vermittelt werden, hinterfragen können, wenn sie eine Alternative haben. Wir versuchen von unserer Seite eine Methodik aufzubauen, die diesen Jugendlichen das Basiswissen von Medien vermittelt.
Im Jahr 2016 haben wir angefangen, mit Kindern in der Region um Kiew zu arbeiten. Wir haben diese Kinder dazu ermuntert, den Kindern an der Frontlinie humanitäre Hilfe zukommen zu lassen. Dann haben wir Videos erstellt und sind mit den Videos und humanitärer Hilfe in die Städte an der Frontlinie gefahren. Dort haben wir den Kindern die Videos gezeigt und deutlich gemacht, was die Kinder aus Kiew mit Engagement erreicht haben. Wir haben an der Frontlinie für die Kinder Tutorials und Workshops über die Grundlagen von Medien, Kino und Journalismus veranstaltet. Zusammen mit den Kindern haben wir gelernt, wie man das effektiv umsetzt.
Für mich war der Maidan 2013 der Schlüsselmoment für das Projekt Babylon' 13. Es gab dort eine Gruppe von Kameramännern, Filmregisseuren und Drehbuchschreibern, deren Ziel die Entwicklung eines Kinos für die Zivilgesellschaft war. Babylon wurde 2013 gegründet und gleichzeitig begann Russland, seine eigene Interpretation der Ereignisse zu veröffentlichen. Wir wollten zeigen, für was die Menschen auf dem Maidan wirklich standen. Als es zu Auseinandersetzungen auf dem Maidan kam, haben wir darüber in Blogs und in Streamingportalen berichtet. Als dann die Krim annektiert wurde und der Krieg im Osten begann, haben wir uns überlegt, wie wir unsere Talente möglichst effektiv einsetzen können.
Ursprünglich komme ich von der Krim, und als deren Annexion erfolgte, bin ich dorthin gegangen, weil ich über die Annexion berichten wollte. Während des Referendums wurde ich dort in einem Wahlbüro gekidnappt. Meine Kidnapper waren Studenten der Universität in Simpheropol. Sie haben mich so fürchterlich geschlagen, dass mir einige Rippen gebrochen sind. Sie sagten mir, dass sie mich hassen, weil meine Kamera stärker als ihre Waffen sei.
Als ich wieder aus der Krim rauskam, habe ich mich gefragt, was mit den Leuten dort passiert ist. Ich komme ursprünglich aus Sevastopol und diese Stadt ist extrem pro-russisch und ich verstand, dass tief im Bewusstsein der Leute dort Prozesse abliefen. Nach meiner Rückkehr habe ich Geschichte und Psychologie studiert, um diese Prozesse und die Mentalität besser zu verstehen. Mir ist klar geworden, dass der Weg für die Krim zurück in die Ukraine sehr lange dauern wird. Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass wir eine große Stiftung für effektive Kommunikation für Leute benötigen, die von höherer Gewalt betroffen sind. In diesem Fall war die höhere Gewalt Krieg.
Um alle Organisationen strukturell zusammenzufassen, muss man ein funktionierendes Netzwerk errichten. Jemand, der sich im Kriegszustand befindet, braucht eine komplexe Lösung. Zwei Jahre lang haben wir mit solch einer Plattform gearbeitet und es zeigte sich, dass es extrem schwierig war, diese komplexe Szenerie aufzubauen. Ferner wurde uns bewusst, dass wir ca. 2 Millionen Dollar für solch ein Vorhaben benötigen. Wir haben uns bei Stiftungen beworben und unsere Pläne dem Bildungsministerium, dem Gesundheitsministerium, dem Ministerium für die Wohlfahrt und dem Ministerium für die besetzten Gebiete präsentiert. Aber der ganze Staatsapparat bewegt sich immer noch auf den alten Wegen. Schließlich sind wir mit dieser Idee in eine Sackgasse gekommen und haben beschlossen, ein kleineres Modell zu gründen, das sich an Jugendliche wendet.
Dieses kleinere Modell ist das Yellow Bus Projekt. Wir haben es erst mit unseren praktischen Erfahrungen gemanagt, aber jetzt möchten wir das Projekt zu einer Art Fernlehre weiterentwickeln. Es sollte eine Plattform für Jugendliche werden und sie auf das Studium vorbereiten.
Wir haben ein Vier-Stufen-Modell entwickelt, das junge Menschen im Medienbereich zu Profis ausbildet. Im ersten Level sollen die Schüler kennenlernen, was Kino, Journalismus und Dramaturgie ist. In den Grundlagen der Dramaturgie zeigen wir auch, wie Medien manipulieren können. Im zweiten Level schlagen wir den Studenten vor, sich zu professionalisieren. Unser Hintergrundgedanke ist, dass wir uns alle in einem Informationssturm befinden und wenn man nicht untergehen will, dann muss man lernen, darin zu schwimmen. Also bringen wir ihnen dieses Schwimmen im Informationsfluss bei. Das zweite Level ist eine Vorbereitung für das höhere Studium.
Das dritte Level ist dann das Studium. Im vierten Level versuchen wir, die Studenten, die ihr Studium beendet haben, dazu zu bringen, ihre Produktionen und Inhalte auch zu nutzen, um Jüngere im ersten Level auszubilden.
Wir sehen unsere Arbeit als eine Art zivile Verteidigung in einem Informationskrieg. Und wir hoffen, dass die Inhalte, die wir auf unserer Seite produzieren, auch von den Kindern in den besetzten Gebieten gesehen werden. Wir haben im Yellow Bus Projekt inzwischen auch drei Zeitungsausgaben produziert und hoffen, dass diese auch in den besetzten Gebieten gelesen werden. Leider ist es gefährlich für Personen, diese Inhalte in die besetzten Gebiete zu bringen.
Wir bringen den Kindern bei, was Journalismus ist. Und besonders, was ehrlicher Journalismus ist. Wir sagen ihnen, dass sie unvoreingenommen berichten sollen und sich auf Tatsachen berufen müssen. Die besten Artikel der Kinder werden in nationalen Zeitungen veröffentlicht und wir kommunizieren auch nach der Veröffentlichung noch mit ihnen. Wir sprechen zudem mit Psychologen, die auf Kriegstraumata spezialisiert sind, und sie sagen uns, dass wir etwas mit den Kindern machen können, das ihnen selbst nicht möglich ist, da jedes Gespräch mit Psychologen auch eine Art Mikrotrauma ist, weil die Kinder wieder an die Ereignisse erinnert werden.
Wir kommen aber von der anderen Seite, wir sprechen mit den Kindern so, als gäbe es keinen Krieg, und versuchen sie auf diese Art und Weise zu einem kreativen Prozess zu ermutigen. Und die Kinder kommen damit zurecht.
Zum Beispiel hatten wir Kinder aus Krasnohorvika, die ihre Nächte im Keller verbrachten und tagsüber zu unseren Workshops kamen. Sie haben uns zugehört und mitgearbeitet genau wie alle anderen Kinder. Der einzige Unterschied zwischen Kindern aus dem Kampfgebiet und aus friedlichen Gebieten ist, dass die Kriegskinder erwachsener erscheinen. Wir spielen wie in einem großen Kino, jeder hat eine Rolle und wir arbeiten als Team. Und wenn Negatives hochkommt, versuchen wir, es außen vorzulassen und als Team zu arbeiten.
An zwei Geschichten aus dem Yellow Bus Projekt kann ich mich besonders gut erinnern. Eine Geschichte geht über eine Familie in Krasnohorivka. Die beiden Töchter der Familie haben von Anfang an an unserem Workshop teilgenommen und auch unser Sommercamp in Odessa besucht. Die Ältere hat inzwischen ein Studium im Medienbereich an der Universität angefangen und die Jüngere hat einen Film gemacht, der viele Auszeichnungen im Sommercamp erhielt. Auch die Mutter der Kinder ist jetzt aktiv im Medienbereich in Krasnohorivka, sie hat Artikel veröffentlicht und viele Leute dort kennen sie.
Eine andere Geschichte ist aus Novoajdar. Sie handelt von einem Mädchen, das auf der Seite der Frontlinie lebt, die von der Ukraine kontrolliert wird, und jeden Tag die Schule in den besetzten Gebieten besucht und dafür die Checkpoints passieren muss. Auch ihr Artikel wurde veröffentlicht.
Wir möchten den Kindern mit unserem Projekt eine Perspektive geben und wir versuchen, möglichst lange mit den Kindern an der Frontlinie in Kontakt zu bleiben und die Bedingungen für unsere Arbeit weiter zu entwickeln. Und wir würden gern diese Arbeit auf die ganze Ukraine ausweiten und nicht nur auf das Kriegsgebiet begrenzen. Der nächste Schritt wäre, eine Plattform zu errichten, damit man auch über große Entfernungen Kontakte knüpfen kann.«
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